»Sie nennen mich eine Fantastin, Sie fragen, was ich vom Leben wolle? Ich will weder herrschen noch mich fügen, ich will weder betrügen noch heucheln, ich will nicht von der Meinung anderer abhängig sein, nicht nach etwas streben, was andere mir empfehlen, was ich aber selbst nicht brauche…«
Während der zweijährigen Untersuchungshaft in einer Einzelzelle der Peter-Pauls-Festung entsteht von Dezember 1862 bis April 1863 der Roman »Was tun?«. Da die Zensur das Ermittlungsverfahren durch das manuskript nicht beeinträchtigt sieht, gelangt es legal an die Redaktion des »Sovremennik«, die es 1863 in drei Heften veröffentlicht. Anschließend wird der Roman verboten; das Urteil gegen Tschernyschewski lautet: Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, vierzehn Jahre Zwangsarbeit im Bergwerk (der Zar »milderte« die Strafe in sieben Jahre um), lebenslängliche Verbannung nach Sibirien.
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Wie sonderbar, dachte Werotschka, was er von den Armen und den Frauen gesagt hat, und dann das, wie die wahre Liebe beschaffen sei, über alles das habe ich auch schon nachgedacht, das habe ich auch schon gefühlt – aber woher habe ich es eigentlich? Stand es etwa in den Büchern, die ich gelesen? Nein, dort steht es anders, dort werden solche Ideen bezweifelt, bekrittelt, als ob sie etwas Ungewöhnliches, Unglaubliches enthielten, als ob es Träume wären, die an und für sich schön seien, aber niemals erfüllt werden können. Mir dagegen schienen sie so einfach, so natürlich, mir kam es vor, als wären sie etwas Selbstverständliches, ohne das man nicht leben konnte, ja, dass sie die Wahrheit selbst wären und gewiss einmal verwirklicht würden. Und doch habe ich diese Bücher für die besten gehalten. Da ist zum Beispiel eine so gute, so moralische Schriftstellerin wie George Sand – aber sie erklärt diese Ideen für haltlose Träume. Oder unsere Schriftsteller – doch nein, unsere Schriftsteller erwähnen sie nicht einmal. Oder Dickens – der spricht zwar von ihnen, aber so, als machte er sich wenig Hoffnung auf ihre Verwirklichung. Er sähe sie wohl gern verwirklicht, weil er ein herzensguter Mann ist, aber er glaubt, dass es unmöglich sei. Warum nur wissen sie nicht, dass man um diese Ideen nicht herumkommt, dass man sie verwirklichen muss, und zwar so schnell wie möglich, damit es bald weder Arme noch Unglückliche mehr gibt? Und sagen sie es nicht sogar selbst? Gewiss, aber sie empfinden nur Mitleid; sie denken, dass in Wirklichkeit doch alles so bleibt, wie es jetzt ist. Vielleicht, meinen sie, würde es ein wenig besser, aber das wäre auch alles. Darüber, woran ich dachte, darüber verlieren sie kein Wort. Wenn sie davon sprächen, dann wüsste ich, dass auch kluge und gute Menschen so denken wie ich; ich war jedoch bis jetzt der Meinung, dass nur ich so denke, weil ich ein törichtes Mädchen bin, und dass außer mir niemand im Ernst daran glaubt, niemand darauf zu hoffen wagt. Er aber sagt, seine Braut habe denen, die sie lieben, erklärt, es werde alles so kommen, wie ich es mir vorgestellt habe, und sie habe es so klar auseinandergesetzt, dass jetzt schon alle ihre Freunde für die Verwirklichung dieser Träume Sorge tragen. Wie klug seine Braut sein muss! Aber wer ist sie, diese Braut? Ich werde es ganz gewiss herausbekommen. Ach, wie wird das schön, wenn es keine Armen mehr gibt, wenn keiner dem anderen Zwang auflegt, wenn alles froh, gut, glücklich…
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