»Wie die Samen der Platane, die durch den Asphalt brechen und sprießen, wann immer wir in Hoffnungslosigkeit verfallen.«
Das Buch Bizim Ali erzählt anhand von Ali Kitapcıs Lebensgeschichte von der anarchistischen Bewegung in der Türkei, die sich ab den 1980er Jahren herausbildete.
Die Geschichte von Bizim Ali (Unser Ali) ist die Geschichte von Oberstufen-Schüler*innen, die bereit sind, das System zu stürzen. Von Linken, die sich umeinander sorgen, sich gegenseitig vertrauen, sich freuen, wüten, hoffen und desillusioniert werden … Es ist die Geschichte der öffentlich Angestellten, die das erste jemals versprühte Tränengas der türkischen Polizei schmecken. Es ist die Geschichte eines Weichenstellers, dessen größte Sorge es ist, wie er ein Stück Seife und ein Handtuch kaufen kann um sich zu waschen bevor er nach Hause geht. Die Geschichte von den Arbeiter*innen in der ganzen Welt, die Widerstand leisten und die Geschichte derer, die an einem strahlenden Oktobertag ihre Stimmen gegen Krieg erhoben und aus dem Leben gerissen wurden.
18,00 €
Aus dem Vorwort:
Am 10. Oktober 2025 veranstalteten wir in Berlin eine Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnten Jahrestags des Massakers von Ankara. Die Entscheidung, diese Veranstaltung abzuhalten, beruhte nicht nur auf der hohen Zahl der Todesopfer des Massakers von Ankara, sondern auch auf der Tatsache, dass im Jahr 2015 die gesamte revolutionäre Bewegung und damit auch die anarchistische Bewegung in der Türkei zum direkten Ziel der Mörder geworden waren. Bei den Massakern von Suruç (das sich am 20. Juli desselben Jahres ereignete) und Ankara verloren viele geliebte Genoss*innen ihr Leben, viele weitere wurden verletzt und noch mehr tragen nicht nur die Folgeschäden mit sich, sondern auch die Last, das Andenken unserer Verstorbenen hochzuhalten und den Kampf fortzusetzen.
Während wir mit den Teilnehmer*innen der Veranstaltung über das Massaker von Ankara, seine Einzelheiten und seine politische Bedeutung diskutierten, kam der Name Ali Kitapcı mehr als einmal zur Sprache. Das war kein Zufall, denn – wie du in diesem Buch lesen wirst – spielte Ali eine wichtige Rolle in der anarchistischen Bewegung der Türkei und war einer der 101 Genoss*innen, die am 10. Oktober ermordet wurden. In der Diskussion wurden zahlreiche Fragen zu Ali gestellt, und so wurden viele Anekdoten über sein Leben ausgetauscht. Nach der Veranstaltung fassten wir den Entschluss, das von unserem anarchistischen Genossen Cem Gök verfasste Buch über Alis Leben zu übersetzen. Wir, im Übrigen, sind zwei anarchistisch-kommunistische Sozialrevolutionäre, die sich in Berlin kennengelernt haben – einer von uns ist ein Überlebender des Massakers von Ankara und ein Genosse des verstorbenen Ali.
Die Motivation für die Übersetzung des Buches ist doppelter Natur: Zum einen glauben wir, dass die Geschichte von Ali – und damit auch die Geschichte der anarchistischen Bewegung in der Türkei – es wert ist, erzählt zu werden, zumal beide außerhalb der unmittelbaren Regionen Anatoliens, Mesopotamiens und der angrenzenden Gebiete relativ unbekannt bleiben.
Wir sind zudem der Überzeugung, dass die Geschichte von Ali und seinen Yoldaşları[1] inspirierend sein und neue Perspektiven eröffnen könnte, insbesondere für Leser*innen in der sogenannten „westlichen Welt“. Zweitens sind wir uns schmerzlich bewusst, dass selbst nach 70 Jahren Migrationsgeschichte insbesondere nach Deutschland „Migrant*innen“ und „Deutsche“ immer noch größtenteils in getrennten Welten leben – selbst wenn sie in derselben Stadt, demselben Viertel oder sogar demselben Haus wohnen. In diesem Sinne ist diese Übersetzung auch ein Versuch, unseren Teil dazu beizutragen, dass wir unsere anarchistische Geschichte auf auf Augenhöhe diskutieren, kollektive Erinnerungen teilen. Wir möchten mit dieser Übersetzung zudem deutlich machen, dass wir unsere ‚getrennten Welten‘ tatsächlich verbinden können, indem wir gemeinsam für eine bessere Welt kämpfen – so wie es uns das Beispiel von Ali und so vielen anderen zeigt, sei es in der Türkei, in England, Algerien, Deutschland oder Palästina.
Apropos kollektives Gedächtnis: Dieses Buch enthält zahlreiche historische Verweise, wie sie für 50 Jahre politischen Kampf typisch sind. Ein Teil des historischen und gesellschaftlichen Hintergrundwissens wird vom Autor geliefert, ein anderer Teil wird in der türkischen Originalausgabe des Buches als kollektives Allgemeinwissen vorausgesetzt. Deshalb haben wir als Übersetzer eine größere Anzahl von Fußnoten hinzugefügt, um den Leser*innen, die notwendigen Kontextinformationen zum Verständnis zu liefern. Da sowohl die Geschichte der Türkei als auch die der gesamten Region faszinierend und komplex ist, könnte dieses Buch als Ausgangspunkt dienen, um mehr über die historischen und politischen Zusammenhänge zu erfahren, die wir hier nur ansatzweise streifen können. Da wir nun bei den Komplexitäten dieses Buches angelangt sind, ist dies auch der richtige Moment, um darauf hinzuweisen, dass in der Übersetzung immer etwas ‚lost in translation‘ sein wird. Obwohl wir keine professionellen Übersetzer, sondern motivierte Amateure sind, haben wir unser Bestes gegeben, eine Übersetzung zu liefern, die dem türkischen Originaltext und all den besonderen Redewendungen, vieldeutigen Begriffen und kulturellen Besonderheiten, die diese Sprache enthält, gerecht wird. Dennoch ist uns bewusst, dass manche Dinge zwar logisch übersetzt werden können, aber nicht dieselben Gefühle vermitteln, die mit bestimmten Wörtern oder Phrasen im türkischen Original verbunden sind. Wir hoffen, dass du diese Geschichte dennoch genauso genießen wirst wie wir.
Dieses Vorwort ist auch unsere Gelegenheit, all unseren Freunden und Genoss*innen zu danken, die uns bei diesem Prozess begleitet und uns insbesondere mit Korrekturlesen und Ratschlägen unterstützt haben. Zudem möchten wir Cem Gök für sein Originalbuch und seine Zusammenarbeit sowie dem anarchistischen Verlag KAOS Yayınları danken, der die türkische Originalausgabe veröffentlicht hat.
Zuletzt möchten wir einen entscheidenden Aspekt des Charakters dieses Buches hervorheben: Es besteht zu einem großen Teil aus den unmittelbaren Erinnerungen verschiedener Yoldaşları – Genoss*innen – an Ali, und zwar in ihren eigenen Worten. Da das Buch relativ kurz nach dem Massaker geschrieben wurde, das sein Leben beendete, sind diese Erinnerungen geprägt von Trauer, Wut, Scham, Humor und dem gesamten Kaleidoskop an Gefühlen, das jene empfinden, die an diesem Tag zu ‚Hinterbliebenen‘ geworden sind.
Von lustigen Anekdoten und politischen Analysen bis hin zu Kritik und brutalen Details – wir sind der Meinung, dass der*die Leser*in einen tiefen Eindruck davon gewinnen kann, wer Ali war und wer er immer noch ist, denn wie es in der Türkei immer skandiert wird: „Ali Kitapçı: YAŞIYOR!“ – Ali Kitapçı lebt!
Er lebt in unserer Erinnerung und in unserem Kampf weiter. Möge dieses Buch in euren Händen eine Erinnerung daran sein.