»Wissense, Herr Jeheimrat, dit is so, mit Bezahlen wird dit meeste Jeld verplempert«
Für Markus Müller, genannt Mark, Aktivist in der linksradikalen Szene Westberlins der späten 1970er Jahre, war Heimat bislang keine relevante Kategorie. Ein unfreiwilliger winterlicher Aufenthalt in London, um behördlichen Nachstellungen wegen eines Handstreichs gegen den Oberstaatsanwalt für politische Straftaten, Maximilian von Erbe, zu entgehen, scheint das infrage zu stellen und ihn eines Besseren zu belehren. Das ändert sich schlagartig bei seiner Rückkehr in die Mauerstadt im Mai 1980, als ihm die vorgefundenen Umstände schonungslos klarmachen, dass Heimat der Ort ist, an dem dir die ganze Scheiße deines Lebens konzentriert um die Ohren fliegt.
Eine wilde Reise auf 500 Seiten durch die politischen Verstrickungen und skurrilen Absurditäten des geteilten Berlins.
»Wissense, Herr Jeheimrat, dit is so, mit Bezahlen wird dit meeste Jeld verplempert
»Was verstehst du […] denn von der Relativitätstheorie?
»Ich? Ne ganze Menge. Wenn zum Beispiel ein Trotzkist Mitglied in drei verschiedenen Organisationen ist, dann ist das relativ wenig. Wenn ein Anarchosyndikalist in einer einzigen Organisation ist, dann ist das relativ viel.
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»Mach mir doch noch einmal zwei Bier und gib mir seinen Bommi-Deckel. Ich übernehme den.«
»Bist du jetzt Krösus oder bloß verrückt geworden?«
»Weder noch. Hab halt ein großes Herz:«
Mit zwei großen Bieren und dem Schuldschein ausgestattet ging ich noch einmal zu Kalle, der inzwischen auf einem Stuhl neben dem Flipper saß und gleich wieder von seinem schlechten Gewissen getrieben wurde.
»Mensch, Mark, wie soll ick dit bloß anstellen, ditte nich mehr schlecht von mir denken tust?«
»Kalle, das tu ich doch gar nicht. Hier, hab dir mal eine Molle mitgebracht.«
Kalle schaute ungläubig auf das Getränk, nahm es aber entgegen und gönnte sich einen ordentlichen Schluck.
»Pass auf, ich komm noch einmal auf deine Wohnungsräumung zurück. An was kannst du dich noch erinnern? Wer war alles dabei? Wie ging das ab?«
In der Folge versuchte Kalle mir die Ereignisse zu schildern, soweit er dazu momentan in der Lage war, beziehungsweise sich überhaupt noch erinnern konnte. Offensichtlich hatte er rabenvoll in seiner Bude gepennt, als ein Schlüsseldienst die Tür geöffnet und Bergland mit zwei Bullen in die Wohnung gekommen war. Leider blieb der weitere Verlauf aufgrund seines damaligen Zustands eher diffus und im Dunkeln. Bergland hatte ihn von oben herab wie Dreck abgefertigt, er hatte angefangen herum zu zetern und die Bullen hatten ihn wie ein Stück Scheiße behandelt. Zwei Arbeiter warfen vieles auf Anweisung von Bergland gleich in den großen Müllcontainer im Hinterhof, während sie seine wenigen Möbel aus der Wohnung trugen. An das konkrete Schicksal meiner Tasche konnte er sich nicht erinnern. Im Prinzip entsann sich Kalle erst wieder an den Moment, als er mit einigen wenigen Habseligkeiten, die er in Plastiktüten verstaut hatte, auf der Straße gestanden hatte, während die Arbeiter mit einem Pritschenwagen abzogen und er nicht wusste, wohin er sollte.
»Der olle Paule stand noch mit mir uffde Monumenten, wa und hat mir jetröstet, aba da war ja eh schon allet zu spät jewesen.«